Frauenzentrum Zürich: Das Private ist Politisch
Am 1. Juli 1974 eröffnete die Frauenbefreiungsbewegung Zürich, abgekürzt FBB, das erste Frauenzentrum der Schweiz.(1)
Offiziell 1969 gegründet, setzte sich die FBB für eine bessere Stellung der Frau in der Gesellschaft ein und stellte sich gegen die vorherrschende Moral, welche das Sexualleben betraf. Unter anderem forderte sie mit vielen anderen Frauenstimmrechtsvereinen das Frauenstimmrecht.(2) Auf ihrer Agenda standen Kindertagesstätten, straflose Abtreibung, freie Verhütungsmittel und Gewalt gegen Frauen. Unter der FBB bildeten sich Arbeitsgruppen mit eigenen Strukturen, die sich für diese Themen engagierten und sich im Frauenzentrum trafen. So auch die Homosexuelle Frauengruppe (HFG). Aus der Arbeitsgruppe “Gewalt gegen Frauen” entstand der Schutzort “Frauenhaus”, das es auch heute noch gibt.
Das Frauenzentrum zog 1980 an die Mattengasse 27 und wurde ab 1985 vom Verein “Autonomes Frauenzentrum geführt” (AFZ). Die Anzahl der dort angebotenen Aktivitäten wurde noch grösser: ein Restaurant, Bibliothek, Velowerkstatt, Lesbengruppe, Nottelefon, Rechtsberatung, Selbstverteidigung und vieles mehr. In den 1980er Jahren verbreitete sich der Feminismus in weiteren Kreisen der Gesellschaft, was zur Auflösung der FBB führte. Heute gibt es u.a. die Frauen Zentrale Zürich, “fraum”, die Lesbenorganisation Schweiz LOS oder den Verein Frauenzentrum Zürich, die sich für die vielfältigen Belange von Frauen einsetzen.
Wie die Organisatoren des ZABI waren die Frauen der FBB im Zeitgeist der Studentenrevolten medienwirksamer und politischer aktiv. Sie organisierten öffentliche Kundgebungen, Strassentheater, Unterschriftensammlungen und Protestmärsche. Die Homex produzierte bspw. Filme über das Alltagsleben homosexueller Frauen, die in der ganzen Schweiz aufgeführt wurden. “Frauenthemen” wie Schwangerschaft, Kinder, Gesundheit, Sexualität oder Ehe gehörten waren dem damaligen Verständnis nach Privatangelegenheiten, die nicht öffentlich oder politisch diskutiert wurden. Forderungen der Frauen dieser Zeit waren “Das Private ist Politisch” oder “Gegen den Zwang zur Heterosexualität”.(3)
Exkurs zum Frauenstimmrecht
Bevor 1970 in Zürich das kantonale Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde und am 7. Februar 1971 die Mehrheit der stimmberechtigten Schweizer Männer dem Frauenstimmrecht auf Bundesebene zustimmte, gab es viele heftige politische Auseinandersetzungen. Auch unter den Frauen selbst.
Den “Frauenstimmrechtsverein Zürich” gab es seit 1930. Er ging aus verschiedenen Frauenvereinen hervor. Unter anderem aus dem seit 1893 bestehenden Zürich “Frauenrechtsschutzvereins”, der von der ersten habilitierten Juristin der Schweiz, Emilie Kempin-Spyri, gegründet worden war. Bis zum Ende der 60er Jahre gab es aber auch den „Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht“. Gegner:innen betonten die Macht der Frauen im Hintergrund. Mütter erzögen ihre Sohne zu guten Republikanern und gäben ihren Ehemännern gute Ratschläge. Man solle ihnen nicht noch weitere Pflichten zumuten, sie hätten ohne dies schon zu viel zu tun.
Die Schweiz war mit dem Fürstentum Lichtenstein und dem Vatikanstaat unter den letzten Europäischen Staaten, welche das Frauenstimmrecht einführte. Besonders brisant wurde diese Tatsache im Zusammenhang mit der Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention. Dass Frauen keine Wahlberechtigung hatten, verstiess gegen die Konvention. Vor der Abstimmung war die Schweiz in Verhandlungen um eine Sonderstellung. Diese groteske Situation veranlasste den Bundesrat eine neue Frauenstimmrechtsvorlage zu erarbeiten.(4)
"Kinder oder keine - entscheiden wollen wir alleine", Demonstration vom 8. März 1975 in Zürich. Bild: Zilioli, Christina: Zürich, Signatur: Sozarch F 5060-Fb-005
Quellen
[1] L-World – Das Wiki zur Lesbengeschichte der Schweiz, Frauenzentrum Zürich, https://l-wiki.ch/Frauenzentrum_Z%C3%BCrich, zuletzt besucht 9.10.2023.
[2] L-World – Das Wiki zur Lesbengeschichte der Schweiz, Frauenbefreiungsbewegung (FBB), https://l-wiki.ch/FBB_-_FrauenBefreiungsBewegung, zuletzt besucht 9.10.2023.
[3] Schweizerisches Sozialarchiv, Frauenbefreiungsbewegung Zürich (FBB) / Autonomes Frauenzentrum Zürich, https://www.findmittel.ch/archive/archNeu/Ar465.html, zuletzt besucht 9.10.2023.
(4) Schweizerisches Sozialarchiv, Vor 150 bis 30 Jahren: Der lange Weg zum Schweizer Frauenstimmrecht, https://www.sozialarchiv.ch/2021/05/12/vor-150-bis-30-jahren-der-lange-weg-zum-schweizer-frauenstimmrecht/, zuletzt besucht 9.10.2023.